Arthrose / Arthritis bei der Katze – ein unerkanntes Problem. Chronische Schmerzen bei der Katze

Chronische Schmerzen werden bei der Katze unterschätzt und viel zu selten diagnostiziert und behandelt.
Insbesondere der chronische Arthroseschmerz findet kaum Beachtung
.


So erstaunt es nicht, dass auf den letzten internationalen Katzenkongressen
Gelenkprobleme/ Gelenkschmerzen bei den Katzen immer wieder Hauptthema waren.
Zu Recht stellte sich die Frage, warum die Osteoarthrose / Osteoarthritis ein so lange
vernachlässigtes Gebiet in der Katzenmedizin war.
Das liegt daran, dass man sehr lange der Überzeugung war, dass Katzen aufgrund ihres geringen Gewichtes nur selten an Osteoarthrose (OA) leiden. Diese degenerative Gelenkerkrankung wurde bis dato in der Tiermedizin hauptsächlich für Hunde beschrieben.

Definition:

Unter degenerativen Gelenkerkrankungen versteht man schmerzhafte Abnutzungserscheinungen der synovialen Gelenke, die mit zunehmendem Alter vermehrt auftreten können.

Erst in den letzten Jahren widmete sich die Forschung den Katzen, so dass bewiesen werden konnte, dass sehr viel mehr Katzen als bisher angenommen wurden, an schmerzhaften degenerativen Gelenkveränderungen leiden.

Leider ist es äußerst schwierig chronische Schmerzen bei der Katze zu erkennen, da sie sich bei Schmerzen ganz anders als der Hund oder insbesondere der Mensch verhält.
Aber es ist mittlerweile unbestritten, dass Mensch und Tier vergleichbare Schmerzempfindungen haben. Vom Menschen weiß man, dass Schmerzen negativ die Funktionsfähigkeit des Gesamtorganismus beeinflussen, nicht anders verhält es sich bei unseren Tieren. Schmerzen können krank machen.

  • Folgen sind schlechte Futteraufnahme und Verwertung, so dass die Tiere abnehmen;
  • Schwächung des Immunsystems durch schmerzbedingten Stress , d.h., die Katzen sind anfälliger für Krankheiten,
  • Automutilation durch Schmerz,
  • krankhafte Übersensibilität,
  • Verhaltensänderung wie Aggressivität und Stubenunreinheit und vieles mehr….

Chronische Schmerzen sind immer untrennbar mit Emotionen verbunden und werden deswegen individuell erlebt und gezeigt.
Jeder Mensch erlebt ähnliche Schmerzsituationen anders, was für den einen großen Schmerz bedeutet, wird von jemand anderes gar nicht so intensiv empfunden. So werden Menschen in der Klinik dazu aufgefordert, ihren Schmerz in einer Skala von 1 – 10 einzuordnen.

Das geht bei den Tieren nicht! Sie können nicht über ihre Schmerzen reden.
Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Tiere immer versuchen, ihren Schmerz zu verbergen. Das ist genetisch festgelegt. Denn jedes Anzeichen von Schwäche könnte in der Natur ihren Tod bedeuten. Sie könnten zur Beute werden oder Konkurrenten dringen in ihr Territorium ein und berauben sie ihrer Beutemöglichkeiten. So versuchen sie verzweifelt, so lange wie möglich normal zu erscheinen.
Um Schmerzen bei der Katze zu erkennen , muss man sie sehr genau beobachten. Das ist für Katzenbesitzer/ innen bedeutend schwieriger als für Hundebesitzer/innen.

Unsere Stubentiger demonstrieren Schmerzen ganz anders als der Hund: der Hund lahmt bei einer Arthrose im Gelenk deutlich und das fällt den Hundebesitzer/innen beim Spaziergang sofort auf.
Hingegen ist bei der Katze Lahmheit ein äußerst seltenes Symptom für OA.
Ein steifer Gang bei der älteren Katze wird eher als normal angesehen und nicht als Zeichen von Schmerz, springt die Katze nicht mehr auf die Fensterbank oder den Kratzbaum, so wird auch das eher dem Alter zugeschrieben als dem Versuch, Schmerz zu vermeiden.

Katzen verändern bei Schmerzen eher ihr Verhalten, was in der Medizin als „lifestyle“ -Veränderung beschrieben wird, doch sind diese Veränderungen wiederum viel subtiler als beim Hund.
Katzen haben die exzellente Fähigkeit, Symptome einer Erkrankung zu maskieren und ihre Lebensweise der veränderten Situation anzupassen; sie ziehen sich eher zurück, sie bewegen sich einfach weniger, schlafen mehr, suchen niedrigere Schlafplätze auf, halten sich weniger in höheren Stockwerken auf, um die Treppen zu vermeiden, die Krallen werden seltener geschärft, sie putzen sich nicht mehr so oft- und manchmal verändert sich sogar ihr Kot- und Harnabsatzverhalten etc.
Doch in den letzten Jahren haben wir erhebliche Fortschritte auf dem Gebiet der Schmerzerkennung und Schmerztherapie bei den Katzen gemacht. Insbesondere die Forschung in den angelsächsischen Ländern hat uns einen großen Schritt nach vorn gebracht.

Eine Reihe von Studien beschäftigen sich mit degenerativen Gelenkerkrankungen bei der Katze.
Die umfassendste Studie war die von Clarke u.a. (2005), in der 218 Katzen jeden Alters (Durchschnittsalter 6,5 Jahre) röntgenologisch untersucht wurden und festgestellt wurde, dass ein hoher Prozentsatz (34%) der untersuchten Katzen an feliner Osteoarthrose litt. Die Studie ergab, dass bei der Katze alle Gelenke, außer Ferse und Halswirbelsäule osteoarthrotisch verändert sind.
Weitere Studien (Hardie, 2002), die sich auf ältere Katzen konzentrieren, zeigen, dass sogar 90% aller Katzen über 12 Jahre an OA leiden.
Eine Studie von Godfrey (2005) zeigt aber auch, dass sogar jüngere Katzen an Gelenkbeschwerden leiden. Er beschreibt, dass 22% der untersuchten Katzen, die nur älter als ein Jahr waren, osteoarthrotisch veränderte Gelenke hatten.

Somit können wir durchaus postulieren, dass die Osteoarthrose eine bedeutende Rolle in der Katzenmedizin spielt. Radiologische Veränderungen der Gelenke sind durchaus kein klinisch unbedeutender Nebenbefund und dürfen in ihrer Bedeutung nicht verkannt werden.
So wurden Katzen, deren Gelenkbeschwerden behandelt wurden, wieder deutlich aktiver und zeigten ein deutlich gesteigertes Wohlbefinden.
Osteoarthrosen sind langsam fortschreitende degenerative Veränderungen der Synovialgelenke
(das sind alle Gelenke, die eine mit Gelenkflüssigkeit gefüllte Kapsel haben ), bei denen der Gelenkknorpel destruiert wird und die umhüllenden Gelenkstrukturen wie Synovia und Gelenkkapsel in den Krankheitsprozess miteinbezogen werden.
Bei Katzen sind Ellbogen, gefolgt von Hüfte , Knie und Schulter besonders häufig von der OA betroffen. Meist können die Ursachen für die OA nicht mehr eruiert werden. Doch in Frage kommen

  • Altersbedingte Degeneration
  • Trauma (Kniebandriß)
  • Wachstumsstörungen (HD),
  • Infektionen durch Viren (z.B. Calici, Coronavirus),
  • Autoimmunerkrankung (rheumatoide Arthritis)

Unsere Katzen werden zunehmend älter, waren 1967 nur 17% aller Katzen älter als 10 Jahre, so waren es 1997 schon 54%. Unsere Katzen heute erreichen oft ein Alter von 17 Jahren und älter und somit werden auch immer mehr Katzen an Osteoarthrose leiden.
Das bedeutet im Klartext, dass viele Katzen an Arthroseschmerzen leiden und wir ihnen mit entsprechender Behandlung helfen können.

Wie diagnostizieren wir Schmerzen?

Somit sind wir als Tierärztinnen und Sie als Besitzer/innen gefordert, Katzen, die an chronischen Schmerzen leiden, zu erkennen. Ich betone das so explizit, da es sehr schwierig ist, Schmerzen bei Katzen zu diagnostizieren. Jede Veränderung des Verhaltens und der Gewohnheiten , sollten Sie uns bei der Untersuchung mitteilen. Natürlich sind nicht alle Veränderungen von Schmerzzuständen ausgelöst, sondern können auch von Faktoren in der Umgebung der Katze verursacht werden.
Samantha Lindley, eine der Hauptvortragen auf dem Katzenkongress , empfiehlt die Anwendung eines Diagnosedreiecks von Befragung der Besitzer/innen – Röntgen – und klinischer Untersuchung, bei der die Palpation im Mittelpunkt steht.
Bei der Untersuchung der Katze ist es äußerst wichtig, dass sie sich wohlfühlt.
Unser Personal ist im sanften Umgang mit Katzen geschult, und mit Pheromen im Untersuchungsraum wird für die Katze eine angenehme Atmosphäre geschaffen. Nur so ist die Katze bei der Untersuchung entspannt.
Erst dann beginnt die Palpation.
Hier ist die Ausbildung in der Triggerpointdiagnostik und Neuraltherapie sehr hilfreich, zusätzlich erleichtert die Untersuchung der diagnostischen Punkte der Akupunktur die Schmerzdiagnose.
Diese Untersuchungsmethoden sind für viele Tierärzte noch Neuland, doch ist es ein unabdingbares Diagnostikum, das wichtige Informationen über den Ort und den Grad des Schmerzes liefert.
Das Röntgen bestätigt uns unsere Verdachtdiagnose.

Wie behandeln wir die Schmerzen der Katzen?

Nun beginnen wir mit dem Schmerzmanagement. Wir setzen klassische Schmerzmittel und Chondroprotektiva ein, behandeln die Patienten mit Akupunktur und Magnetfeldtherapie und für manche Katzen kommt auch die Goldakupunktur zur Linderung der chronischen Schmerzen zum Einsatz.

Definition:

Akupunktur ist eine effektvolle und vor allem nebenwirkungsfreie Therapie zur Behandlung des Schmerzes. Durch den Einstich der Akupunkturnadeln wird das Freisetzen von Neurotransmittern induziert, welche die Weiterverarbeitung von Schmerzsignalen reduzieren und im Gehirn Endorphine (Opiate) freisetzen, die den Schmerz reduzieren oder ganz auflösen. Klassische Schmerzmittel wirken übrigens auf ähnliche Weise.

Für manche gewichtige Stubentiger ist eine Gewichtsreduktion von Vorteil.
Unsere Spezialisierung auf die Schmerztherapie, die wir seit Jahren erfolgreich bei unseren Hundepatienten einsetzen und die Spezialisierung der Kollegin Dr. Rummel auf Katzenerkrankungen,
sind in der schwierigen Diagnosestellung sicherlich von Vorteil.
Unser Ziel ist es, unseren arthrotischen Stubentigern wieder ein schönes Leben mit hoher Lebensqualität zu ermöglichen – so wie die englische Literatur es nennt : Lifestyle Verbesserung.
(Autor Dr. Rogalla)

Literatur:

Clarke, S.P.and Bennet, D. Feline Osteoarthritis: a prospective study of 28 cases, journal of Small Animal Practise (2006) 47: 1-7
Lindley, s. and Cummings, T.M. Essentials of Western Veterinary Acupuncture. Backwell Publishing, Oxford (2006)
Clarke, S.P., Mellor, D. u.a.(2005 ) Radiographic Prevalance of Degenerative Joint Disease in a Hospital Population of Cats. Veterinary Record, 157,793-799
Godfrey, D.R. (2003) OA in cats: a prospective series of 40 cases. Proceedingsof the BSAVA Congress, Birmingham. 4.-7- April
Hardie, E.M.u.a. (2002) Radiographic evidence of degenerative joint disease in generatic cats: 100 cases (1994 –1997) Journal of American Veterinary Medical Association 220, 628-632

siehe auch:
Arthrose, Spondylose & Co. (pdf)
Artikel von Dr. Rogalla, erschienen in Leben mit Tieren 01-2016